Seit den Anfängen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, geben die Silberschmiede von Georg Jensen ihre Werkzeuge und Techniken an immer neue Generationen von Kunsthandwerkern weiter, um die lange Tradition der Marke im Bereich der qualitativ hochwertigen Handwerkskunst weiterzuführen. Zu den Neuzugängen in der legendären Silberschmiede gehört Emil Borregaard. Nach einer vierjährigen Ausbildung wurde der junge Silberschmied 2012 Teil des 25-köpfigen Teams der Georg Jensen Silberschmiede im Herzen von Kopenhagen. Wir haben uns mit ihm getroffen, um mehr über seine Arbeit zu erfahren.
Beschreiben Sie einen typischen Tag in der Silberschmiede.
Ich beginne meinen Arbeitstag damit, mir einen Überblick darüber zu verschaffen, woran ich an dem betreffenden Tag zu arbeiten habe. Normalerweise arbeite ich 2-4 Tage an einem Stück, d. h. 2 Tage Feilen, 3 Tage Hämmern, 1 Tag Korrigieren und 1 Tag Löten. Oftmals arbeite ich aber auch an größeren Stücken, deren Fertigstellung Monate dauern kann und an denen auch andere Silberschmiede mit Spezialkenntnissen teilnehmen. Wenn ich es mit kleineren Stücken zu tun habe, ist die Arbeit dieselbe, dauert aber nur 1 oder 2 Tage.

Wie beginnt die Entwicklung der Stücke, an denen Sie arbeiten?
Ich erhalte eine Skizze, von der ausgehend ich das Stück forme. Ich führe dann alle notwendigen Verfahren bis zur Vollendung durch, zu denen oftmals auch andere Silberschmiede hinzugezogen werden. Es ist meine Aufgabe sicherzustellen, dass wir die dafür erforderlichen Silberbleche haben, dass das Ziselieren korrekt erfolgt, dass die Arbeit des Polierers richtig geplant wird und dass die Lieferung pünktlich erfolgt. Es kann Stunden, manchmal Tage oder Monate dauern, bis man ein einziges Stück oder Teil eines Stückes genau so hinbekommt, wie man es will. Je komplexer das Stück ist, desto zeitaufwändiger und komplizierter ist dieser Prozess.

Was ist der wichtigste Aspekt Ihrer Arbeit?

Meine vorrangige Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass das Stück korrekt interpretiert wird und die Wünsche des Designers repräsentiert. Ich lese und analysiere die Zeichnungen, um die richtigen Werkzeuge für die Arbeit auszuwählen oder meiner vorhandenen Werkzeuge zu modifizieren, damit ich das richtige Aussehen gestalten kann.

Wie gehen Sie bei der Auslegung der Zeichnungen des Designers vor?
Wenn ich die Möglichkeit habe, spreche ich mit dem Designer. Er kommt her und wir diskutieren seine Gedanken und Wünsche, damit ich genau das Stück herstellen kann, was er sich vorgestellt hat. Die Stücke, an denen ich arbeite repräsentieren zu einem Großteil meine Interpretation des Designs. Jeder Hammerschlag ist ein Ausdruck meiner Persönlichkeit und meiner Handwerkskunst. Wenn ich die Zeichnung erhalte, lese und interpretiere ich sie und das Stück wird zu meinem Markenzeichen.

Was sind Ihre besonderen Charakteristika?
Jeder Kenner der Branche erkennt zweifellos die Unterschiede in der Hammertechnik. Meine Hand, mein Arm, mein Körper halten das Werkzeug und schlagen damit auf ganz bestimmte Art und Weise, die sich von der anderer Handwerker unterscheidet. Verschiedene Silberschmiede führen dieselbe Technik verschiedenartig aus.

Wie arbeiten Sie mit den anderen Silberschmieden zusammen?
Wir haben einen wirklich guten Kontakt zueinander und tauschen oft Ideen über die Designs und ihre Umsetzung aus. Je schneller man lernt, für die Ratschläge und Meinungen anderer offen zu sein, desto besser wird man als Silberschmied und kann so ein besseres Produkt schaffen. Ich frage meine Kollegen mehrmals täglich, was sie meinen, wie sie in einer bestimmten Phase des Prozesses vorgehen würden oder ob sie mir bei einem Problem helfen können. Und sie machen dasselbe. Von uns konzentriert sich jeder auf das Stück, an dem wir von Anfang bis Ende arbeiten, aber wir sind zweifellos ein Team. Wir stehen einander während des gesamten Prozesses mit Rat und Tat zur Seite, um das absolut beste Ergebnis zu erreichen.

Was ist das bisher aufwändigste Stück, das Sie hergestellt haben?
Der chinesische Drache ‚Long Xing‘. Die doppelte Schwingung des Drachens ist eine technische Herausforderung, da hier die einzelnen Flächen natürlich gegeneinander stehen. Es waren fast vier Monate tägliche Arbeit erforderlich, um ihn perfekt hinzubekommen. Bei dem aktuellen Stück Jardiniére II  dauert meine Arbeit mehr als sechs Monate. Außerdem arbeiten vier weitere Silberschmiede Vollzeit an diesem Stück. Jeder, der daran arbeitet verfügt über besondere Fachkenntnisse, die über viele Jahre hinweg perfektioniert wurden. Dies ist ein organischer und intuitiver Prozess. Dabei ist es wichtig, dass man weiß, was man tut und sicherstellt, dass sich die eigenen handwerklichen Fähigkeiten in der Arbeit widerspiegeln.

Sind sie manchmal unsicher?
Ja, wenn ich einen Fehler mache, den ich noch nie zuvor gemacht habe. Zu Anfang ist man sich nicht sicher, wie man Fehler berichtigen soll, z. B. einen zu festen Hammerschlag. Man sucht also Hilfe zur Korrektur, die ein sehr zeitaufwändiger Vorgang sein kann. Je mehr man sich weiterentwickelt und je mehr man lernt, desto leichter kann man dann einen solchen Fehler korrigieren. Je mehr man arbeitet, desto weniger Fehler macht man, denn man lernt dazu und verinnerlicht es. Der Prozess wird intuitiv.

Was ist die wichtigste Fertigkeit, die ein Silberschmied besitzen sollte?
Geduld.


Worauf sind Sie in Bezug auf Ihre Arbeit besonders stolz?
Auf meine Kollegen. Und auf die Tatsache, dass ich in einem aussterbenden Beruf arbeite, der durch talentierte Kunsthandwerker am Leben gehalten wird. Ich respektiere das sehr und ich finde es sehr schade, dass Silbergeschirr nicht mehr in Mode ist. Ich liebe die Herausforderungen und das Problemlösen und die Berufsehre. Die Ziselierer oder Polierer die die Stücke, an denen ich gearbeitet habe, nach mir übernehmen, können ihre Arbeit nur so gut machen, wie ich meine gemacht habe. Darum ist es für mich sehr wichtig, dass ich eine perfekte Arbeit abliefere. Ich setze mir hohe Ziele. Ich brauche eine Art perfektionistischer Herangehensweise, um ein optimales Produkt abzuliefern. Das wichtigste für mich ist, dass es keine Begrenzungen gibt. Man muss es einfach nur tun.

Gibt es andere Bereiche in Ihrem Beruf, mit denen Sie gerne arbeiten würden?
Ich würde gerne in Gold arbeiten, mit Dingen, die verschiedene Berufe innerhalb der Branche vereinen. Außerdem würde ich gern verschiedene traditionelle Methoden wieder aufleben lassen, als Herausforderung, nicht nur für mich selbst sondern auch für die Wahrnehmung unseres Berufs und die Behauptung, wir wäre nicht mehr in der Lage, die Meisterwerke der Vergangenheit zu schaffen. Ich würde gern so komplizierte Stücke wie möglich herstellen, Dinge von denen die Leute sagen, sie wären viel zu kompliziert. Ich möchte sie vom Gegenteil überzeugen. Ich bitte oft um größere, verrücktere Stücke und mein Chef versucht immer, mir solche zu geben, an denen ich meine Fertigkeiten testen und verbessern kann und an denen ich mich bewähren kann.


Wenn ich weiß, dass die erforderliche Technik existiert, kann ich mich daran machen, sie zu meistern. Ich kann herausfinden, was ich dafür lernen muss und suche aktiv nach Dingen, die mich selbst und meine Fähigkeiten herausfordern und mich beruflich weiterentwickeln. Wenn man gut in etwas ist, konzentriert man sich gerne darauf. Wenn man in etwas nicht so gut ist, versucht man häufig, es zu vermeiden. Man kann sich nur schwer zwingen, etwas zu lernen, das man schwierig oder ermüdend findet. Wenn man 1.000 Stunden damit verbracht hat, seine Fähigkeiten beim Feilen zu verbessern und es zur Routine geworden ist, ist das nicht so inspirierend, aber alles ist Teil des fertigen Stücks, also steht die Berufsehre auf dem Spiel.